27.10.2026 Feiern mit Rollstuhl: Konzert, Club und Karneval
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Mit dem Rollstuhl auf ein Konzert, in den Club oder zum Karneval: Geht das überhaupt? In unserer Expertenrunde berichten Menschen mit Querschnittlähmung, was das Feiern erschwert, welche Rolle Freunde und Hilfsmittel spielen und warum Barrierefreiheit weit mehr bedeutet als einen stufenlosen Eingang.
In diesem Artikel lesen Sie:
- wie Menschen mit Querschnittlähmung Konzerte, Clubs und Karneval erleben
- welche baulichen und sozialen Barrieren das Feiern erschweren können
- wie Hilfsmittel und Freunde Teilhabe unterstützen können
- warum es kein Widerspruch zur Selbstständigkeit ist, Hilfe anzunehmen
- warum Barrierefreiheit mehr bedeutet als einen stufenlosen Eingang
- warum persönliche Grenzen beim Feiern wichtig sind
Mit Freunden ausgehen, Musik hören, gemeinsam lachen und für ein paar Stunden einfach Teil des Geschehens sein: Feiern ist weit mehr als Unterhaltung. Es bedeutet Gemeinschaft, Zugehörigkeit und die Freiheit, selbst über die eigene Freizeit zu entscheiden.
Nach einer Querschnittverletzung können sich die Voraussetzungen dafür verändern. Stufen, enge Räume, fehlende Aufzüge oder eine schwierige Anreise können den Besuch einer Veranstaltung erschweren. Hinzu kommen Reaktionen anderer Menschen, die zwar gut gemeint sein mögen, aber nicht immer hilfreich oder respektvoll sind.
Die Erfahrungen aus unserer Expertenrunde zeigen: Feiern mit Rollstuhl ist möglich. Ob ein Konzert oder ein Clubabend jedoch tatsächlich zugänglich und angenehm erlebt werden kann, hängt von vielen Faktoren ab.
Mit dem Rollstuhl auf ein Konzert
Wie positiv sich ein Konzertbesuch mit Rollstuhl anfühlen kann, beschreibt Vera in der Expertenrunde. Sie besuchte ein Konzert in ihrer Nachbarschaft und nutzte dabei ihren Stehrollstuhl. Fast zwei Stunden lang stand sie darin, hörte Musik und verbrachte den Abend mit Freunden und Bekannten.
„Wir hatten einfach total Spaß. […] Ich habe mich einfach so normal gefühlt und habe diese Gemeinschaft und das Konzert total genossen.“
- Vera Krumm
Besonders wertvoll war für Vera, dass ihre Querschnittlähmung während des Konzerts nicht im Mittelpunkt stand. Für diesen Moment war sie einfach Konzertbesucherin und Teil der Gemeinschaft.
Ihre Erfahrung zeigt zugleich, welche Bedeutung individuell passende Hilfsmittel haben können. Der Stehrollstuhl ermöglichte ihr eine andere Position im Raum und das Erleben des Konzerts auf Augenhöhe mit anderen Gästen. Barrierefreiheit bedeutet dabei nicht nur, überhaupt Zugang zu einer Veranstaltung zu erhalten. Sie bedeutet auch, die Veranstaltung in einer Form erleben zu können, die zur eigenen Situation und den persönlichen Bedürfnissen passt.
Selbst entscheiden, wann die Behinderung Thema ist
Veras Abend zeigt jedoch noch eine andere Seite. Nach dem Konzert wurde sie von zwei Frauen direkt nach ihrem Unfall gefragt und mit der Geschichte eines anderen Betroffenen konfrontiert.
In diesem Moment wollte sie nicht über Querschnittlähmung, Verluste und Unfallfolgen sprechen. Sie entschied sich deshalb, die Situation zu verlassen, bevor diese Begegnung ihr den gelungenen Abend nehmen konnte.
Auch das ist ein wichtiger Teil von Selbstbestimmung: Menschen mit Behinderung dürfen selbst entscheiden, wann sie über ihre Geschichte, ihren Körper oder ihre Einschränkungen sprechen möchten.
Karneval mit Rollstuhl: Was Freunde möglich machen können
Ray berichtet von dem Tag, an dem er nach mehreren Jahren das erste Mal wieder Karneval gefeiert hat. Seine Erfahrung beschreibt er sehr offen:
„Karneval zu feiern mit einem Rollstuhl in einem Club oder in einer Kneipe ist eine Zumutung.“
- Raymond Baafi
Trotzdem entschied er sich dafür. Möglich wurde der Abend vor allem durch Freunde und Bekannte, die selbst eine Kneipe betreiben. Dadurch wusste Ray, dass vor Ort Bedingungen geschaffen werden konnten, die ihm eine Teilnahme ermöglichten. Mithilfe seines Rollstuhls und von Orthesen gelang es ihm, im wahrsten Sinne des Wortes auf Augenhöhe mit anderen zu feiern.
„Und das ist etwas, was wirklich immens wertvoll ist.“
- Raymond Baafi
Seine Erfahrung zeigt: Nicht immer entscheidet die Querschnittlähmung darüber, ob eine Aktivität möglich ist. Häufig kommt es darauf an, ob die Umgebung zugänglich ist, passende Hilfsmittel zur Verfügung stehen und Menschen bereit sind, gemeinsam Lösungen zu schaffen. Gerade Freunde können dabei eine wichtige Rolle spielen. Nicht, indem sie alles übernehmen, sondern indem sie Bedingungen mitgestalten, unter denen echte Teilhabe möglich wird.
Im Club mit Rollstuhl: Wenn Aufmerksamkeit zur Barriere wird
Lars beschreibt eine andere Herausforderung des Nachtlebens mit Rollstuhl. Im Club werde er besonders häufig von anderen Gästen angesprochen. Viele möchten mit ihm abklatschen, ihm sagen, was für ein cooler Typ er sei, oder gezielt mit ihm ins Gespräch kommen.
Vieles davon ist möglicherweise freundlich oder anerkennend gemeint. Wenn jedoch Alkohol im Spiel ist, werden persönliche Grenzen schnell überschritten. Lars berichtet auch von unangebrachten Scherzen – etwa der Bemerkung, dass man sich bei ihm ja einfach auf den Schoß setzen könne.
„Und es ist auch eklig, wenn man ehrlich ist, 200 Menschen am Abend die Hand zu geben in der Disco. Das ist der Horror.“
- Lars Weber
Die ständige Aufmerksamkeit führt dazu, dass Lars den Abend nicht einfach ungestört genießen kann. Teilweise stellen sich Freunde bewusst um ihn herum, damit Fremde nicht fortlaufend auf ihn zukommen und ihn ansprechen.
Seine Erfahrung zeigt: Auch positiv gemeinte Aufmerksamkeit kann belastend werden, wenn ein Mensch immer wieder auf seinen Rollstuhl reduziert wird. Eine Veranstaltung kann baulich zugänglich sein und sich trotzdem nicht inklusiv anfühlen.
Barrieren beginnen oft schon vor der Veranstaltung
Ob ein Abend gelingt, entscheidet sich häufig bereits bei der Anreise. Lars beschreibt öffentliche Verkehrsmittel als eine seiner größten Barrieren. Ein defekter Aufzug oder ein unerwarteter Höhenunterschied zwischen Bahn und Bahnsteig kann dazu führen, dass eine Strecke plötzlich nicht mehr selbstständig möglich ist.
Gerade bei Konzerten, Clubs oder Karneval kommt hinzu, dass die Rückfahrt oft spät erfolgt und weniger Alternativen zur Verfügung stehen. Deshalb gehört zur Barrierefreiheit einer Veranstaltung nicht nur der Eingang, sondern auch die Frage, ob Hin- und Rückweg realistisch bewältigt werden können.
Nicht jeder Rollstuhl stellt dieselben Anforderungen
Ob ein Veranstaltungsort praktisch zugänglich ist, hängt auch von der Art des Rollstuhls ab. Vera erklärt, dass ihr Elektrorollstuhl ihr viel Stabilität, Aufrichtung und Bewegungsfreiheit gibt. Gleichzeitig ist er so schwer, dass er nicht spontan über Stufen getragen werden kann. Ein leichterer Aktivrollstuhl wäre in solchen Situationen flexibler, bietet ihr persönlich jedoch weniger körperliche Unterstützung.
Das zeigt: Eine Veranstaltung ist nicht automatisch für alle Menschen mit Rollstuhl gleichermaßen zugänglich.
Flexibel bleiben und einen Plan B finden
Nicht jede Situation lässt sich vollständig vorausplanen. Ein Aufzug kann ausfallen, ein Zugang kann sich vor Ort als weniger barrierefrei erweisen als erwartet, oder kurzfristig wird Unterstützung benötigt.
Für Vera gehört deshalb ein Plan B zu ihrer Vorstellung von Selbstständigkeit. Sie möchte sich von Hindernissen nicht davon abhalten lassen, etwas zu unternehmen. Gleichzeitig bedeutet Selbstständigkeit für sie nicht, alles ohne Hilfe bewältigen zu müssen.
„Es ist völlig klar, dass man nie unabhängig ist. Also auch Menschen ohne Querschnitt sind nicht unabhängig.“
- Vera Krumm
Entscheidend ist für Vera vielmehr, das selbstständig zu tun, was möglich ist, eigene Entscheidungen zu treffen und den Alltag so zu organisieren, dass sie ihre Ziele auch mit Assistenz oder Hilfestellung erreichen kann.
Selbstständigkeit bedeutet Freiheit
Warum sind Konzerte, Clubs, Karneval oder andere Veranstaltungen überhaupt so wichtig?
Weil es nicht nur um Musik oder Unterhaltung geht. Es geht um Freundschaften, gemeinsame Erinnerungen und die Möglichkeit, selbst zu bestimmen, wie man seine Freizeit verbringen möchte.
Ray bringt diesen Gedanken in der Expertenrunde auf den Punkt:
„Selbstständigkeit ist Freiheit.“
Zu dieser Freiheit gehört für ihn, rauszukommen, Menschen zu treffen, Freizeitaktivitäten zu erleben und sich mit oder ohne Unterstützung die Welt zu erschließen.
Feiern mit Rollstuhl: möglich, aber nicht selbstverständlich
Feiern mit Rollstuhl ist möglich, auch wenn Barrieren einen Abend erschweren können. Die Erfahrungen aus der Expertenrunde zeigen zugleich, wie viel passende Hilfsmittel, ein unterstützendes Umfeld und zugängliche Veranstaltungsorte bewirken können.
Die Verantwortung für Teilhabe darf nicht allein bei den Betroffenen liegen. Auch Veranstalter, Verkehrsbetriebe sowie Betreiber von Clubs, Kneipen und Konzerthallen müssen Bedingungen schaffen, die eine möglichst selbstbestimmte Teilnahme ermöglichen. Denn Flexibilität kann bei unerwarteten Hindernissen helfen, fehlende Barrierefreiheit ersetzt sie jedoch nicht.
Sind diese Voraussetzungen gegeben, können barrierefreie Veranstaltungen wieder das schaffen, worum es eigentlich geht: gemeinsame Erlebnisse, Zugehörigkeit und Freude.
Thomas Schwarze ist Physiotherapeut und sammelte wertvolle Erfahrung in verschiedenen Praxen und Kliniken, bevor er zu Made for Movement kam. Seit fast zwei Jahrzehnten ist er nun im Unternehmen tätig, zunächst als Produktspezialist und Berater im Außendienst. Als Presales Manager arbeitet er mittlerweile eng mit dem Marketingteam und der Vertriebsleitung zusammen. In diesem Zusammenhang ist er stets auf der Suche nach neuen Erkenntnissen und Geschichten aus den Bereichen Hilfsmittelversorgung, Therapie und Rehabilitation.