Aktive Bewegung oder passive Mobilisation bei Querschnittlähmung?

08.09.2026Aktive Bewegung oder passive Mobilisation bei Querschnittlähmung?

Jens Kleine - Physiotherapeut - Product Specialist

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Aktive Bewegung oder passive Mobilisation bei Querschnittlähmung?
14:22

Aktive Bewegung oder passive Mobilisation? Nach einer Querschnittlähmung kann Bewegung ganz unterschiedlich aussehen. Physiotherapeut Julian Breuer erklärt, warum regelmäßige Bewegung wichtig ist und wie sich das Training mit dem Innowalk individuell und möglichst aktiv gestalten lässt.Warum ist Bewegung bei Querschnittlähmung so wichtig? 

Bewegung bei Querschnittlähmung kann ganz unterschiedlich aussehen. Während manche Körperbereiche aktiv bewegt werden können, ist in anderen Bereichen eine selbstständige Bewegung nur eingeschränkt oder gar nicht möglich. Trotzdem können auch diese Körperregionen bewegt und in ein regelmäßiges Training einbezogen werden.

Regelmäßige körperliche Aktivität spielt nach einer Querschnittlähmung eine wichtige Rolle für Fitness und Gesundheit. Internationale wissenschaftliche Leitlinien empfehlen Erwachsenen mit chronischer Querschnittlähmung zur Verbesserung der kardiorespiratorischen Fitness und Muskelkraft mindestens zweimal pro Woche 20 Minuten aerobes Training mit moderater bis hoher Intensität. Zusätzlich werden zweimal wöchentlich drei Sätze Krafttraining für jede große funktionierende Muskelgruppe empfohlen. Für einen zusätzlichen Nutzen für die kardiometabolische Gesundheit werden mindestens dreimal 30 Minuten moderates bis intensives aerobes Training pro Woche empfohlen.*1

Welche Form und Intensität von Training bei Querschnittlähmung möglich und sinnvoll ist, muss dabei immer individuell betrachtet werden.

Auch Julian Breuer, Physiotherapeut und Standortleiter des NiB (Neurologisches Interdisziplinäres Behandlungszentrum), betrachtet Bewegung deshalb ganzheitlich. In der Querschnitt-Expertenrunde von Made for Movement nennt er unter anderem Beweglichkeit für Transfers und Lagewechsel, die Herz-Kreislauf-Stabilität sowie das Training der Muskulatur, die aktiv angesteuert werden kann, als wichtige Aspekte.*5

Seine Haltung bringt er dabei auf einen einfachen Gedanken:

Training ist gleich Bewegung. Das ist wie eine Art Grundrecht. Jeder hat das Recht auf Bewegung, weil es einfach auch gut tut. 

Motorunterstützte Bewegung bei Querschnittlähmung: Was kann sie bewirken? 

Wenn Menschen mit Querschnittlähmung ihre Beine nicht oder nicht ausreichend aus eigener Muskelkraft bewegen können, kann motorunterstützte beziehungsweise passive Bewegung regelmäßige, repetitive Bewegungsabläufe ermöglichen.

Und das bedeutet nicht, dass diese Bewegung keinen körperlichen Nutzen hat.

Ein systematischer Review untersuchte elf Studien zum passiven Bein-Cycling bei Erwachsenen mit Querschnittlähmung. Mehrere Trainingseinheiten zeigten in einzelnen Studien positive Veränderungen in unterschiedlichen Bereichen. Dazu gehörten unter anderem die Durchblutung der Beine, Gelenkbeweglichkeit, Spastik und Reflexaktivität sowie Marker der Muskulatur. *2

Auch aktuelle Forschung zur Spastik zeigt ein differenziertes Bild: Ein Review von 2025 fand bei passiven Bewegungsinterventionen nach Querschnittlähmung überwiegend kurzfristige Verbesserungen der Spastik. Für langfristige Effekte ist die wissenschaftliche Datenlage bislang weniger eindeutig.*3

Motorunterstützte Bewegung ist deshalb nicht einfach mit „Bewegtwerden“ oder Inaktivität gleichzusetzen. Gerade wenn die eigene Muskelkraft für eine Bewegung nicht ausreicht, kann sie eine Möglichkeit sein, die betroffenen Körperbereiche regelmäßig zu bewegen.

Die Frage ist für ihn deshalb nicht, ob motorunterstützte Bewegung grundsätzlich sinnvoll ist. Vielmehr stellt er sich zusätzlich die Frage: Was können wir während dieser Zeit noch aktiv einbeziehen?

Aktive Bewegung bei Querschnittlähmung: nutzen, was möglich ist

Aktive Bewegung bedeutet, dass die Person selbst Muskelkraft einsetzt. Bei einer Querschnittlähmung muss das jedoch nicht bedeuten, dass die Beine vollständig selbstständig bewegt werden können.

Je nach individuellen Funktionen können beispielsweise Arme, Schultern, Oberkörper und Rumpf aktiv eingesetzt werden. Auch erhaltene Funktionen in den unteren Extremitäten können – sofern vorhanden – in das Training einbezogen werden.

Für Julian ist es deshalb wichtig, ein Training bei Querschnittlähmung so aktiv wie individuell möglich zu gestalten:

Mir ist es immer wichtig, dass unsere Klient:innen im Innowalk möglichst aktiv arbeiten.

Dabei geht es nicht darum, motorische Unterstützung möglichst schnell wegzulassen oder Aktivität um jeden Preis zu erzwingen. Vielmehr sollen genau die Fähigkeiten genutzt werden, die eine Person mitbringt.

Aktive Elemente können beispielsweise darin bestehen,

  • die Arme aktiv in den Bewegungsablauf einzubeziehen,
  • den Oberkörper und Rumpf bewusst mitarbeiten zu lassen,
  • vorhandene Restfunktionen einzusetzen,
  • aktive Belastungsphasen mit Erholungsphasen zu kombinieren oder
  • Unterstützung und Trainingsintensität an die individuellen Möglichkeiten anzupassen.

So können aktive und motorunterstützte Bewegung innerhalb einer Trainingseinheit unterschiedliche Aufgaben übernehmen.

Innowalk bei Querschnittlähmung: motorunterstützt bewegen und aktiv trainieren  

Der Innowalk ist ein motorgestützter Bewegungstrainer für Menschen mit erheblich eingeschränkter Steh- und Gehfähigkeit und wurde für das Training im häuslichen Umfeld sowie im therapeutsichen Bereich entwickelt.

Er ermöglicht wiederholte Ganzkörperbewegungen in einer aufrechten, gewichttragenden Position. Der Übergang vom Sitzen in den Stand kann stufenlos eingestellt werden. Bei dem Training im Innowalk sind sowohl aktive als auch passive Bewegungen der Gliedmaßen möglich. Nutzer:innen, die dazu in der Lage sind, können den Motor aktiv übersteuern und eigene Muskelkraft einsetzen.*4

Optional können Ergänzungen wie Armpendel eingesetzt werden. Sie verbinden die Bewegung der Arme mit der Bewegung des Unterkörpers und schaffen damit eine weitere Möglichkeit, den Oberkörper aktiv in das Innowalk-Training einzubeziehen.*4

Genau diese Kombination ist für Julian in seiner Therapieeinheit interessant. Während motorische Unterstützung dort eingesetzt wird, wo sie benötigt wird, versucht er gleichzeitig, vorhandene aktive Fähigkeiten zu nutzen:

Ich habe ja jetzt auch die Zeit das Training, in der halben Stunde oder Stunde mit meinen Möglichkeiten noch aktiver zu gestalten. 

Denn motorunterstützte Beinbewegung muss nicht bedeuten, dass die Person während des gesamten Trainings passiv bleibt.

Motorunterstützt und trotzdem aktiv: Vera über ihr Innowalk-Training  

Wie diese Kombination in der Praxis aussehen kann, beschreibt Vera Krumm in der Querschnitt-Expertenrunde aus Nutzerinnensicht besonders anschaulich.

Ihre Beine werden im Innowalk motorunterstützt bewegt. Trotzdem betrachtet sie ihre Trainingseinheiten keineswegs als rein passiv:

Das sehe ich auch nie als passives Durchbewegen.

Vera versucht beispielsweise, die Griffe mit ihren Händen aktiv zu halten und den Oberkörper bewusst mitzubewegen. Selbst ihre Beine versucht sie gedanklich anzusteuern, obwohl sie diese nicht aktiv bewegen kann.

Ihr persönlicher Ansatz fasst die Verbindung beider Bewegungsformen treffend zusammen:

Ich werde auf jeden Fall da dran bleiben und immer dieses Passive mit dem Aktiven verbinden, um zu gucken, was da noch möglich ist.

Damit zeigt ihre Erfahrung auch: Ob die Bewegung der Beine motorunterstützt erfolgt, sagt noch nicht automatisch etwas darüber aus, wie aktiv die gesamte Trainingseinheit gestaltet wird.

Übungen bei Querschnittlähmung: Auch Oberkörper und Arme einbeziehen

Wer nach Übungen bei Querschnittlähmung sucht, findet deshalb nicht die eine Übung, die für alle gleichermaßen geeignet ist.

Welche aktive Beteiligung möglich ist, hängt unter anderem davon ab, welche Muskulatur angesteuert werden kann, wie stabil der Oberkörper ist, wie der Kreislauf auf die Aufrichtung reagiert und welches individuelle Trainingsziel verfolgt wird.

Beim Training mit dem Innowalk können beispielsweise Arme und Oberkörper zusätzlich einbezogen werden.

Julian berichtet aus seiner therapeutischen Erfahrung, dass dabei auch die Bewegungsfrequenz eine Rolle spielen kann:

 Unsere Erfahrung zeigt, je hochfrequenter die Umdrehungszahl, desto leichter ist es, aktiv mitzumachen.

Wenn eine Person aktiv mit den Armen mitarbeiten möchte, beginnt er deshalb teilweise mit einer höheren Frequenz, da es nach seiner Erfahrung dadurch leichter sein kann, gemeinsam mit der motorunterstützten Bewegung zu arbeiten.*5

Auch die Unterstützung des Oberkörpers kann individuell angepasst werden. Gurte und Seitenteile können Stabilität geben. Julian beschreibt, dass die Unterstützung – wenn es individuell möglich und sinnvoll ist – teilweise reduziert werden kann, um den Oberkörper stärker zu fordern.

Es geht dabei nicht darum, möglichst wenig Unterstützung zu verwenden. Entscheidend ist vielmehr, so viel Unterstützung wie nötig und so viel Eigenaktivität wie möglich miteinander zu verbinden.

Training bei Querschnittlähmung abwechslungsreich gestalten

Aktives Training muss auch nicht ausschließlich aus klassischen Kraft- oder Ausdauerübungen bestehen.

Raymond Baafi nennt in der Expertenrunde beispielsweise eine spielerische Möglichkeit für das Training zu Hause: In der Nähe des Innowalk könnten ein kleiner Basketballkorb, ein Tor oder eine geeignete Wand für einen Tennisball genutzt werden. Durch Werfen oder Schlagen des Balls kann der Oberkörper während der aufrechten Position zusätzlich aktiv einbezogen werden.*5

Damit lässt sich eine motorunterstützte Bewegung der Beine mit einer selbst ausgeführten Aktivität des Oberkörpers kombinieren.

Auch Julian denkt bei der Trainingsgestaltung in solchen aktiven Phasen. Für ihn kann eine Einheit beispielsweise intervallartig aufgebaut werden:

Und selbst wenn man es als Intervall gestaltet mit Pausen und aktiven Phasen, dass die Leute sich nicht passiv darin hängen lassen. Das ist mir als Therapeut immer wichtig. 

 Sein Ansatz ist es, das Training im Innowalk “wirklich als aktives Ausdauertraining” zu sehen.

 Aufrichtung und Bewegung individuell anpassen

Nicht nur das Verhältnis zwischen motorunterstützter und aktiver Bewegung ist individuell. Auch die Aufrichtung und Trainingsintensität müssen zur jeweiligen Person passen.

Vera beschreibt beispielsweise, dass ihr Kreislauf beim Aufrichten zunächst Schwierigkeiten bereitet hat. In ihrem Training wurde deshalb zuerst die Beinbewegung gestartet und anschließend die Aufrichtung erhöht. Außerdem lassen sich sowohl die Position als auch die Frequenz der Bewegung anpassen.*

Julian beschreibt ebenfalls, dass die Aufrichtung schrittweise gesteigert und bei Kreislaufproblemen wieder reduziert werden kann. Auch Unterstützungen für den Oberkörper können entsprechend den individuellen Fähigkeiten angepasst werden.

Das macht einen wichtigen Punkt deutlich: Das Ziel ist nicht maximale Aktivität um jeden Preis.

Ein gutes Training berücksichtigt, welche Unterstützung eine Person benötigt, welche Funktionen sie aktiv einsetzen kann, wie sie auf die Belastung reagiert und welche individuellen Ziele verfolgt werden.

Fazit: Aktiv oder passiv? Bei Querschnittlähmung kann beides sinnvoll sein 

Was ist also besser: aktive Bewegung oder passive Mobilisation bei Querschnittlähmung?

Darauf gibt es keine pauschale Antwort, denn beide Bewegungsformen müssen keine Gegensätze sein.

Motorunterstützte Bewegung kann gerade dort sinnvoll sein, wo eine selbstständige Bewegung nicht oder nicht ausreichend möglich ist. Wissenschaftliche Untersuchungen zu passivem Bein-Cycling zeigen Hinweise auf positive Effekte unter anderem auf Durchblutung, Gelenkbeweglichkeit und bestimmte Parameter der Spastik.*2, *3

Aktive Bewegung wiederum ermöglicht es, vorhandene Funktionen und Muskelgruppen gezielt einzusetzen und – bei entsprechender Belastung – beispielsweise Ausdauer und Muskelkraft zu trainieren.*1

Beim Innowalk-Training bei Querschnittlähmung können sich beide Ansätze ergänzen: Die Beine können motorunterstützt bewegt werden, während Arme, Oberkörper oder vorhandene motorische Funktionen möglichst aktiv mitarbeiten.

Wie viel Unterstützung benötigt wird und wie viel Eigenaktivität möglich ist, ist dabei von Mensch zu Mensch unterschiedlich.

Das Ziel ist deshalb nicht, aktive und motorunterstützte Bewegung gegeneinander auszuspielen. Vielmehr geht es darum, die Vorteile beider Bewegungsformen zu nutzen, das Training individuell zu gestalten und aus den eigenen Möglichkeiten das Maximum herauszuholen.

Sie möchten mehr über die Möglichkeiten des Innowalks-Trainings und über den therapeutischen Einsatz erfahren? In unserem Online-Webinar erzählt unser Referent Julian Breuer von seinen Erfahrungen aus der Rehabilitation. ➡️ Link to webinar. 

Quellen

*1 Martin Ginis, K. A., van der Scheer, J. W., Latimer-Cheung, A. E. et al.: Evidence-based scientific exercise guidelines for adults with spinal cord injury: an update and a new guideline. Spinal Cord 56, 308–321 (2018). DOI: 10.1038/s41393-017-0017-3.

*2 Phadke, C. P., Vierira, L., Mathur, S., Cipriano Jr, G., Ismail, F. & Boulias, C.: Impact of Passive Leg Cycling in Persons With Spinal Cord Injury: A Systematic Review. Topics in Spinal Cord Injury Rehabilitation 25(1), 83–96 (2019). DOI: 10.1310/sci18-00020.

*3 Williamson, S. D. et al.: Passive movement interventions and spasticity outcomes in individuals with spinal cord injury during rehabilitation: a scoping review. Spinal Cord 63, 633–641 (2025). DOI: 10.1038/s41393-025-01141-6.

*4 Made for Movement: Innowalk für Erwachsene – Bewegungstrainer. Produktinformationen zu motorunterstützter Bewegung, aktiven und passiven Bewegungen, Bewegung mit Gewichtsübernahme im Stehen und Armpendeln.

*5 Made for Movement: Querschnitt-Expertenrunde, Interviewformat 2026. Aussagen von Julian Breuer, Physiotherapeut und Standortleiter des NiB (Neurologisches Interdisziplinäres Behandlungszentrum), Vera Krumm und Raymond Baafi. Die verwendeten Aussagen stammen aus der Expertenrunde.

Jens Kleine - Physiotherapeut - Product Specialist
Jens Kleine - Physiotherapeut - Product Specialist

Jens Kleine ist Physiotherapeut und verfügt über langjährige Vertriebserfahrung in verschiedenen europäischen Märkten für orthopädische Hilfsmittel. Besonders wichtig sind ihm die Bedürfnisse der Benutzer, und er setzt sich mit großem Engagement dafür ein, innovative Lösungen zu finden. Als Product Manager bei Made for Movement arbeitet Jens Kleine eng mit externen medizinischen Fachkräften, dem Vertriebsteam und unserem Team für Forschung und Entwicklung zusammen - immer auf der Suche nach Lösungen, die den Menschen Bewegung ermöglichen, die sie am meisten brauchen.